Ostern – Easter – Пасха

Hallo liebe Leser,

Ich habe so viele Erfahrungen in den letzten Jahren gemacht, die ich gerne mit Euch teilen möchte. Heute wird es immer wichtiger eine gewisse ‚interkulturelle Kompetenz‘ zu erwerben und ich möchte meinen Beitrag dazu leisten und Ihnen ein paar Elemente des interkulturellen Zusammenlebens näher zu bringen.

Ich verbrachte mehr als 14 Jahre im östlichen Ausland und kehrte danach wieder nach Deutschland zurück. Darunter fielen die Länder der ehemaligen Sowjetunion, des Balkans, Mittleren und Nahen Ostens. Es dauerte seine Zeit, bis ich wieder Fuß fasste und mich an meine ‚Ursprungsheimat‘ gewöhnt hatte. Obwohl ich in Deutschland geboren bin, schien es mir manchmal, als ob ich fremd im eigenen Land war. Auch heute habe ich manchmal das Gefühl, dass ich nicht am richtigen Platz bin, aber dieses Gefühl wird zunehmend etwas schwächer. Ich habe gelernt, dass es überall auf der Welt und in jedem Land etwas Positives und Negatives gibt. Ich bin ein Mensch, der es vorzieht, das Positive anzunehmen, das Negative zu erkennen und versucht, zu verändern. Nicht immer gelingt es mir, aber ich gebe immerhin mein Bestes.

Das russische Osterfest

Mein heutiger Blogeintrag betrifft das Osterfest. Ich bin ein gläubiger Mensch und habe besonders in den letzten Jahren das Osterfest sehr zu schätzen gelernt. Noch als ich in Moskau lebte hat sich das Verhältnis der Russen zur Religion sehr verändert. Der Kommunismus als Gesellschaftsform gab dem religiösen Glauben wenig Möglichkeiten zur Entfaltung. Kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion begann sich diese Situation zu ändern. Es war nicht nur gesellschaftlich anerkannt, wenn man in die Kirche ging, es wurde schon fast erwartet. Besonders in der Osterzeit konnte man das feststellen.

40 Tage vor Ostern beginnt die ‚Velikij Post‘ (Russ: Великий Пост)– das große Osterfasten. In der orthodoxen Kirche bedeutet das im heutigen Sinne ein veganes Essverhalten (Verzicht auf alle tierischen Eiweiße), Alkohol, Süßigkeiten und noch andere Annehmlichkeiten des alltäglichen Lebens. Ich hatte eigentlich nie bewusst gefastet, doch Heilfasten war Bestandteil meines Lebens, aber das galt mehr meiner körperlichen Gesundheit. Das mache ich auch noch heute, allerdings meistens ebenfalls in Verbindung mit dem großen Osterfasten. Da ich Katholikin bin habe ich mir mein eigenes alljährliches ‚Fastenprogramm‘ auferlegt. Dazu gehört: Keine Fleisch- oder Fischerzeugnisse, kein Alkohol und nur beschränkt Süßes (was ich eh‘ eigentlich nicht mag). Es tut mir und meinem Körper gut, sich mal eine Auszeit zu gönnen. Ich bin sehr viel in anderen Ländern unterwegs, wo ich immer wieder unterschiedliches Essen zu mir nehme, Zeit- und Klimaunterschiede handeln muss und meinem Körper und meinem Geist schon einiges zumute.

Religiöse Feiertage in Zeiten der Pandemie

Dieses Jahr fiel das Ostern der ‚westlichen Kirche‘ (nach dem julianischen Kalender) und der ‚östlichen Kirche (nach dem gregorianischen Kalender) nicht auf ein gemeinsames Datum. Dies ist meistens der Fall. Relativ selten fallen beide Osterfeste in denselben Zeitraum. Für mich ist dies ein schönes Zeichen in einer Zeit voller Unbeständigkeit, Zweifel und dem ständigen Hervorheben unserer Unterschiedlichkeiten. Gerade dieses Jahr werden religiöse Feste eine große Herausforderung, denn die Pandemie Corona regiert die Welt. Das erste Mal, dass muslimische Gläubige Mekka verwaist im Fernsehen sehen. Der Segen ‚Urbi et Orbi‘ wird ohne anwesende Gläubige gesprochen. Nur die orthodoxe Kirche hat die Überzeugung, dass ein überzeugter Gläubiger dem Virus trotzt und Weihwasser auf den Straßen das Allheilmittel ist. Generell kann es ja nicht schaden, aber in dieser Zeit noch Gottesdienste abzuhalten schätze ich als grob fahrlässig ein. 

Osterzeit – eine Zeit der Erholung und Besinnung

Doch kurzum: mein langjähriger Aufenthalt in Russland und Georgien haben mich darin bestärkt, mir diese Erholzeit zu nehmen und mich auch geistig zu besinnen, über mein Leben nachzudenken und manches wieder ins Lot zu bringen. Doch gerade in der heutigen Krise empfinde ich das Fasten noch intensiver als die Jahre zuvor. Ich bin überzeugt davon, dass ich dieses Jahr gestärkt aus der österlichen Fastenzeit herausgehen werde und bin voller Elan, neue Ufer einzuschlagen. 

Ich hoffe, es wird Euch ähnlich ergehen. Bleibt gesund und bis zum nächsten Mal, 

Eure Waltraud