Geberfinanzierte Projekte – was steckt dahinter?

Immer häufiger werden Geber-finanzierte Projekte mit den Argumenten kritisiert wenig komme in den Bestimmungsländern von ihrer Unterstützung an. Die meisten glauben, dass die Bestimmungsländer Geld erhalten und das stimmt so nicht. Es wird vorwiegend Beratung und Kompetenz an die Länder vermittelt. Nichtsdestotrotz kann man die Kritik nachvollziehen und unser Business hat sich in den letzten Jahren enorm verändert.  

Als ich mit dem Consulting in geberfinanzierten Projekten angefangen habe, geschah dies in einem völlig anderen Kontext als es jetzt der Fall ist. Die Welt hatte sich (geo)politisch stark verändert. Die Sowjetunion und der gesamte Ostblock befanden sich im Umbruch. Neue politische Systeme und Ideale wurden gesucht und dafür brauchte man die entsprechende Expertise und Erfahrung, die zur Unterstützung dienten. Es war eine andere Welt damals und von beiden Seiten war eine besondere Energie zu verspüren. Auch die Consultants waren von dieser Aufbruchsstimmung ‚infiziert‘, so dass sich viele mehr engagierten, als verlangt war.

Mit welchen Geschehnissen müssen wir morgen rechnen?

Man hat sich damals vor anderen Herausforderungen gesehen und konnte aus dem Vollen schöpfen, denn viele der Länder, in denen ich gearbeitet habe waren kollabiert. Wenig funktionierte und man wusste nie so ganz genau, was der nächste Tag bringen wird: Einen neuen Präsidenten? Einen Putsch? Noch mehr Gewalt auf den Straßen? Noch weniger Strom? Was wird aus dem Bildungssystem? Fragen, die uns alle umtrieben – Ausländer ebenso wie Inländer (die letzteren natürlich um ein Vielfaches mehr. Das hat uns irgendwie zusammengeschweißt. Außerdem war es völlig normal, dass man sowohl in Regierungskreisen als auch in Diplomatenkreisen ein- und ausging. War schon ganz schön spannend und auch eine besondere Zeit.

Konsolidieren und billig sein ist oftmals das entscheidende Element  

Heute ist das oftmals anders. Consultingfirmen in unserem Business werden immer größer und konsolidieren sich. Quantität kommt sehr oft vor Qualität. Aber ist das wirklich im Sinne der Kunden und den Ländern, in denen wir arbeiten? Ich würde behaupten: Nein. Gerade diese Länder brauchen gute Experten, egal welcher Herkunft, Alter oder Geschlecht. Menschen, die schon jahrelang mit der Materie vertraut sind und eine gewisse Praxiserfahrung vorzuweisen haben, denn nur so können sich neue Gesellschaftsformen entwickeln und festigen und wir können das erreichen, was wir erreichen sollten: Ländern in schwierigen Zeiten eine Perspektive bieten, so dass weniger Menschen ihre Heimat wegen Not, Elend oder mangelnder Aussicht verlassen müssen. Aber auch in unseren Sektor herrschen marktwirtschaftliche Prinzipien vor. Es ist so, wie in vielen anderen Bereichen ebenfalls: wer ist der Billigste? Wer hat die besten Kontakte? Das ist oftmals entscheidend. Diese Entwicklung ist nicht immer zielführend und das merkt man leider auch immer wieder in der Ausführung der Projekte.  Nichtsdestotrotz: Ich liebe was ich tue und ich kenne sehr viele, die ebenso denken und handeln wie ich. Und es gibt auch Firmen, die es fertig bringen gute Arbeit zu leisten, wirtschaftlich zu sein und auch den Consultant gut zu unterstützen, nicht nur finanziell. 

Ich hoffe, ich konnte ein wenig Einblick in unseren Beruf geben. Für Fragen und Kommentaren stehe ich selbstverständlich gerne zur Verfügung. 

Ihre Waltraud Gehrig