Wir haben die Wahl!

Wählen gehen  – ein privilegiertes Ritual

Es geht mir so einiges durch den Kopf. Obwohl ich ein sehr entscheidungsfreudiger Mensch bin, ist es mir immer noch nicht gelungen, eine Entscheidung bezüglich meines Wahlzettels am Sonntag zu machen. Eine Entscheidung steht allerdings fest: Ich gehe auf jeden Fall wählen. Alles andere ist KEINE OPTION. Ich muss an solchen Tagen immer wieder an meine Eltern denken, die leider nicht mehr unter uns weilen. Schon als kleines Kind wurden wir mitgenommen, wenn unsere Eltern wählen gingen. Es war etwas, was dazu gehörte, was zelebriert wurde. Auch wurde offen in der Familie diskutiert was gewählt wurde und warum man dieser oder jener Partei den Vorzug gab. Unser Vater war einer der Gründungsmitglieder der Polizeigewerkschaft und somit waren zu Hause, teils hitzig geführte, Debatten an der Tagesordnung.

Ich wurde älter und durfte endlich wählen! Ich hatte das unglaubliche Glück in eine Oberstufe zu gehen, in der es viele Lehrer gab, die ausgesprochen ‚politisiert‘ waren und uns im besten Sinne an einen politischen, demokratischen Diskurs heranführten. Revolte war erwünscht, so lange sie mit Worten geführt war. Wir durften und sollten unsere Meinung in demokratischer Manier kundtun. Wir hatten das Privileg uns äußern zu dürfen, wann immer wir wollten. Wir mussten nicht aufpassen, dass jemand uns das Wort verbietet oder gar unsere Meinung gegen uns verwendet wird oder wir gar deswegen verfolgt werden. Aber bei Leibe nicht jeder ist in solch einer Situation. 

Totalitäre Regime

Zum Glück haben wir heute ein vereintes Deutschland. Studierende, die ich heute unterrichte können sich die Situation eines geteilten Deutschlands nicht vorstellen. Auch was es bedeutet, in einem totalitären Regime aufzuwachsen. Ich kann es nur versuchen nachzuvollziehen, da ich sogar noch die Sowjetunion als solche erlebt habe und die damalige DDR. Allerdings immer nur als Außenstehende und Besucherin. Somit kann ich nur versuchen, diese Eindrücke hervorzuholen, mich daran zu erinnern und das mitzuteilen. Wir waren Teenager als wir das erste Mal in diese Länder reisten. Die bedrückte Stimmung war überall zu spüren. Ich hatte immer das Gefühl, dass es vieles gab, was nicht ausgesprochen wurde. Es gab immer wieder Kreise, in die man nicht eindringen konnte. Unbeschränkte Informationsverbreitung oder ‚freie Meinungskundgabe‘ war nicht möglich und somit passierte dies verschlüsselt, oft im Untergrund. Ganz normale Menschen waren sich bewusst, wo sie leben und dass sie sehr eingeschränkt sind, was öffentliche Teilhabe anlangt. Man wusste auch, dass man keine Wahl hatte. Man wählte die Partei oder den Präsidenten oftmals mit überwältigender Mehrheit. Nicht unbedingt erreicht durch Wahlfälschung sondern auf Grund mangelnder Optionen. Ich möchte nicht in solch einer Gesellschaft leben müssen und Gott sei Dank habe ich die Wahl. Viele andere haben das aber nicht.  

Demokratie und Harmonie

Natürlich befinden wir uns in einer Demokratie aber auch in unserem Land stelle ich mich mehr und mehr der Frage, wieviel Wahl wir denn heute noch haben? Dürfen wir uns unbegrenzt auch heute noch äußern? Wie stark werden wir auch durch Medien in einer gewissen Art und Weise manipuliert oder in eine bestimmte Richtung gedrängt? Dies ist meines Erachtens nicht so einfach zu beantworten aber jeder von uns sollte wenigstens versuchen zu reflektieren, auch mal in der Familie oder im Freundeskreis zu diskutieren. Ich finde es allerdings zunehmend schwierig in unserem Land zu ’streiten‘, d.h. eine Debatte zu führen, ein Streitgespräch zu führen und was nicht immer zu einem harmonischen Ergebnis führt. Demokratie ist Arbeit, jeder Tag muss neu bestritten werden und für Demokratie ist jeder Einzelne selbst verantwortlich. Menschen in totalitären Regimen diesen Umstand näherzubringen ist eine große Herausforderung und braucht wahnsinnig viel Zeit und Geduld. Demokratie wird leider auch sehr inflationär gehandelt. Nicht alles was wir Demokratie nennen entspricht auch der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes (Quelle: Wikipedia): „Demokratie bezeichnet Herrschaftsformen, politische Ordnungen oder politische Systeme, in denen Macht und Regierung vom Volk ausgehen.“   

Die Harmoniesucht in unserem Land macht mir zu schaffen. Aus Reibung entstehen neue Ideen, Diskussionen bringen uns voran, kritisches Hinterfragen ist unabdingbar in der Demokratie aber auch in der Wirtschaft und im Leben eines jedes Einzelnen. Aber wo bleibt denn der Diskurs an unseren Hochschulen nach Einführung des Bachelors und Masters? Der Stoff wird stringent an die Studierenden gebracht. Auswendig lernen und wiedergeben statt Fragestellung und kritische Erörterung. Nein, ich halte nicht an den alten Zeiten fest, aber nicht alles war schlecht und nicht jede Neuerung ist von Vorteil. Aber wenn die Gesellschaft allgemein jeden sofort in irgendwelche Schubladen steckt, der sich nicht gemäß des ‚mainstreams‘ äußert erstickt das die Demokratie im Kern. Ich schließe mich übrigens hier nicht aus, denn auch ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich Menschen sofort nach ein paar Sätzen beurteile und vergesse, dass vielleicht nicht jeder sich perfekt und gewählt ausdrücken kann und somit auch Nuancen seiner Meinung nicht immer vermitteln kann. Danach habe ich jedoch die Aufgabe durch Gespräche herauszufinden, welche Position der Mensch vertritt und versuchen ihn zu einem Austausch der Gedanken zu bewegen und nicht zu ignorieren oder nieder zu reden, was mich zu meinem letzten Gedankengang für heute führt:

„Keiner hört uns zu“

Waren Sie schon mal in einer Situation, in der Sie versucht haben mit jemandem zu reden, der Sie aber ignoriert hat oder ganz bewusst nicht zugehört hat oder mit Ihnen nicht reden wollte? Ich sage Ihnen: Man fühlt sich wirklich schlecht dabei. Hilflos, wütend, resigniert. Obwohl mir das sehr selten passiert, ist es in den Momenten, in denen es passiert sehr verletzend. Ich bin in diesem Augenblick Luft für mein Gegenüber. Es interessiert ihn nicht, was ich denke, meine oder fühle. Kann man es dann Menschen verdenken, dass sie sich ‚Menschenfängern‘ zuwenden, die ihnen (vermeintlich) zuhören? Wir müssen wieder mehr lernen zuzuhören, auf Menschen einzugehen und ihre Sorgen und Nöte ernst zu nehmen. Jeder Mensch verdient Wertschätzung. Haben Sie mal Ihrem Nachbarn oder Ihren Vorgesetzten oder Kollegen gesagt, was Sie an Ihnen schätzen? Was macht die Zusammenarbeit mit Ihnen wertvoll und bereichernd? Gerade darauf das ‚menscheln‘ zielen Parteien wie die AfD ab und haben damit Erfolg. Wir verstehen Euch, wir sind für Euch da und wir setzen uns für Euch ein.

Und genau hier ist die Demokratie gefragt und die jetzigen Politik. Politiker, ihr seid vom VOLK GEWÄHLT, von jedem einzelnen, der zur Wahl ging. Hört den Menschen zu und vor allem: fragt sie um ihre Meinung, um ihre Ideen. Vielleicht sind 100 Ideen nicht umsetzungsfähig aber eine ist dabei, die den Unterschied macht. Eine Demokratie lebt von der Gemeinschaft. 

In diesem Sinne verbleibe ich mit meinem Appell: GEHEN SIE WÄHLEN! Es ist das höchste Gut, das wir in Deutschland besitzen. Machen Sie sich Gedanken, erwägen Sie das Pro oder Kontra.

Auf eine gute Wahl und bis bald,

Ihre Waltraud Gehrig