Die Balkanglut

Ich bin auf dem Rückflug. Ich wollte wenigstens 2 Blogbeiträge in der Zeit meines Aufenthalts in Bosnien schreiben, aber wie immer kam es anders, als ich mir das so vorstellte – und ich sollte es doch besser wissen! Aber wenigstens bin ich wieder auf dem Heimflug und vor allem erwarten mich 16 Grad und ich habe noch NIE so unserem bescheidenen Wetter entgegengefiebert wie heute.
Es ist Sommer. Da denken Sie wohl: „Und weiter?“ Ich hatte gehofft, dass es einigermaßen erträglich wird. Aber dem war nicht so. Im Durchschnitt waren 35-38 Grad, jeden Tag. Dabei hatte dann unser Büro keine Klimaanlage. Mit Ach und Krach konnte ich einen Ventilator organisieren, der wenigstens ein wenig Erleichterung verschaffte. Gestern waren über 42 Grad in Sarajevo, das hatte auch mir sehr zu schaffen gemacht. Wie mussten sich da wohl ältere Menschen oder Kranke fühlen? Ich denke nicht gut. Aber das nur mal am Rande.

Der bosnische Fitnesscenter

Die Arbeit hatte mich voll im Griff. Das einzige Erholsame war mein fast täglicher Besuch des Fitnessclubs. Zugegeben einer der etwas schickeren Klasse, was mir generell wirklich egal ist, aber er war gerade um die Ecke von meinem Hotel. So, und was hat nun der Fitnesscenter mit Kommunikation zu tun? Doch so einiges muss ich sagen. Ich fand es ganz spannend zu sehen, wie sich die Bosnier im Fitnesscenter verhalten im Gegensatz zu den deutschen.
Also, zunächst mal war alles wirklich ganz nett, die Geräte waren alle aus Deutschland, beschriftet in Deutsch, was mich schon mal sehr erfreute. Was es dort nicht gab, war eine Einführung in die Geräte oder gar die Erstellung eines Einstiegstrainingsplans. Dafür musste man einen Personal Trainer buchen. Ich fand das nicht tragisch habe ich doch schon zur Studentenzeit einige Zeit im Fitnessstudio verbracht.
Spannend war es zu sehen, dass die meisten ganz eisern ihre Übungen gemacht haben und nur die allerwenigstens ein Wort miteinander geredet haben. Vor allem fand ich interessant, dass Übungen gemacht wurden, die ich in deutschen Fitnessstudios eher selten gesehen habe. Sehr viel Abwechslung und besonders viele Frauen haben doch so einiges an Gewichten gestemmt, aber es wurde eher weniger Ausdauer gemacht. Also, als Ort der Begegnung würde ich das Fitnessstudio in Sarajevo eher nicht sehen. 

Der Blick auf den Parkplatz

Entscheidend war jedoch, dass man während des Joggens oder Gehens auf dem Laufband aus dem 4.Stock einen hervorragenden Blick auf den Parkplatz einer Shoppingmall hatte. Allein was auf dem Parkplatz passierte, war unterhaltend. Einmal gab es einen Autofahrer, der versuchte zu parken. Ein Unterfangen, was eigentlich nicht so schwierig gewesen wäre, da er wirklich massenweise Platz hatte. Draußen standen 4 Männer, die ständig versuchten, den/die FahrerIn (war nicht zu erkennen) einzuweisen. Es dauerte sage und schreibe 5 Minuten, bis das Auto geparkt war. Nur hat derjenige dann erkannt, dass er viel zu nah an einer Kette war und somit konnten die Insassen nicht aussteigen. Somit fing das Ganze von vorne an. Daraufhin dachte ich für mich selbst – wenn dass mal keine Frau am Steuer ist! Und fand es gleichzeitig schon echt schlimm, dass ich so dachte. Könnte ja auch ein Mann sein, oder? Und was passierte? Ein Mann stieg auf der Fahrerseite aus. Dann ging nach richtiger Balkanmanier das Diskutieren los. Über 5 Minuten wurde offensichtlich eingehend darüber debattiert, ob das Parken in der Art und Weise jetzt sinnvoll war oder nicht. Also, wirklich sehr spannend und unterhaltsam auf eine gewisse Art beim Laufbandjoggen…

Die arabische Großfamilie

Eine weitere interessante Laufbandgeschichte war die Beobachtung einer arabischen Großfamilie, die aus dem Kleinbus ausstieg. Der Fahrer des Wagens stieg aus und es war ziemlich schnell klar, dass er den ganzen Familientrupp ‚anführte‘. Ziemlich unbeteiligt stand er relativ lange an der Fahrertür mit einer Zigarette in der Hand und beobachtete drei völlig verschleierte Frauen (komplett schwarz und nur mit einem Augenschlitz (also die berühmte Burka), die sich daran machten zwei ziemlich große Kinderwägen aus dem Auto zu zerren.

Wie gesagt, dass männliche Oberhaupt schaute ziemlich desinteressiert in der Gegend herum und beschäftigte sich mit seinem Äußeren, während die Frauen versuchten alles zu organisieren und auch die Kinder zu managen. Irgendwann war es dann soweit, dass alle aus dem Kleinbus gestiegen waren und Richtung Einkaufszentrum gingen. Alles in allem war auch das eine Sache von mehreren Minuten und dass in schwarzer Kleidung bei dieser enormen Hitze! Ich glaube, ich wäre durchgedreht.

Alles in allem war auch für mich wieder einmal eine Erkenntnis, dass durch aufmerksame Beobachtung Strukturen erkennbar gemacht werden können. Es ist auch einfach nur spannend, in einem der unzähligen bosnischen Straßencafés zu sitzen und Menschen zu beobachten. Alleine das ist abendfüllend….

Ich hoffe, ich konnte Sie dazu inspirieren, aufmerksam und beobachtend durch die Welt zu gehen. Sie werden erstaunt sein, was Ihnen alles auffallen wird.

In diesem Sinne, viel Spaß und bis zum nächsten Mal,

Ihre Waltraud Gehrig