Sarajevo – eine Stadt von Geschichte geprägt

 

Straße in der Altstadt von Sarajevo
Straße in der Altstadt von Sarajevo

„Oh, sagte Herr K.“ und erbleichte. Dieser Satz einer Kurzgeschichte von Berthold Brecht kam mir sofort ins Gedächtnis, als ich am Sonntag nach einer ziemlichen Reiseodyssee (Flug verpasst in Wien und noch vieles mehr…) in der Stadt ankam, die ich vor knapp fünf Jahren nach einem zweijährigen Projekt verlassen hatte. Es hat sich so gut wie NICHTS verändert. Meines Erachtens das Schlimmste, was einer Stadt passieren kann: Keine Entwicklung – weder in die eine Richtung noch in die andere. Ich finde das erschreckend. Fünf Jahre sind eine lange Zeit für eine Hauptstadt. Wenn sich dann in Bezug auf Stadtentwicklung nichts tut, dann tun mir die Menschen leid, die hier wohnen, denn dann sieht man, dass das Leben steht, dass sich wenig tut, dass es nur wenig Perspektiven gibt.

Das Tempo ist ebenfalls gleich geblieben: langsam und balkanesisch halt und erst mal ganz tiefenentspannt. Kaffee und Zigarette am morgen in einem der zahlreichen Strassencafes und dabei wird eifrig über Politik und die Nachbarschaft diskutiert (wenigstens noch eher miteinander und weniger mit dem Mobiltelefon). 

Die Vergangenheit – der Krieg

Das Schlimmste jedoch ist, dass die Vergangenheit immer noch überall präsent ist, ein Teil des Lebens, das man nicht akzeptiert aber auch nicht negiert. Sie ist da und doch weg. Einschusslöcher sind Zeugnisse des Krieges, Ruinen werden nicht beseitigt, da die Häuser den ‚anderen‘ gehörten und man sie nicht anrührt. Sie sind Mahnmale in Form von Damoklesschwertern, die über den Menschen schweben, die Wunden stets vergrößern und vertiefen, sie aber nie heilen lassen.

Ein Gebäude in Sarajevo mit Einschusslöchern
Gebäude in Sarajevo

Man tauscht Fenster aus, die Wohnungen sind renoviert und sind gemütlich, ein normales Familienleben soll die Schrecken des Krieges ersetzen, ignorieren, vertreiben. Aber die Außenwände sprechen eine andere Sprache. Macht das alles Sinn? Ist dies ein Ansatz, der die Menschen weiterbringt? Ich glaube nicht, denn wenn man in solch einer Stadt lebt, bemerkt man die Löcher irgendwann nicht mehr. Man sieht nur ein altes, hässliches Haus, denn man verdrängt die Vergangenheit, man will sie nicht mehr bewusst wahrnehmen, obwohl sie präsent ist. In Mannheim wurden nach einem Referendum nach dem Krieg bewusst die alten Häuser nicht mehr aufgebaut. Mannheim war komplett nach dem Krieg zerstört. Man wollte nicht an alte Zeiten erinnert werden, man wollte nach vorne schauen und moderne Gebäude sehen und etwas Neues beginnen.

Es schmerzt, die Vergangenheit anzugehen. Es reißt Wunden auf. Es ist doch alles noch so frisch…. was sind schon gute 20 Jahre? Aber wenn man die Vergangenheit schon nicht angeht, sollte man wenigstens versuchen, sich aktiv auf etwas anderes zu konzentrieren, das Land nach vorne zu bringen, einen gewissen Wohlstand und Zufriedenheit erarbeiten, den jungen Menschen eine Zukunft bieten. Danach kann man mit der Verarbeitung beginnen. Es war doch auch bei uns nicht anders, oder? Das Wirtschaftswunder hat zunächst alles überlagert. Das Leben hatte wieder einen Sinn, es ging vorwärts und bald waren die Schrecken des Krieges Vergangenheit… Oder doch nicht? Gott sei Dank, gab es Menschen, die es verstanden, gerade in dieser guten und heilen, prosperierenden Zeit nicht still zu stehen, sondern gerade dann mit der Aufarbeitung zu beginnen. Ja, es war nicht einfach, es ist nicht einfach und es wird nie einfach sein. Zu viel passiert in Kriegen, egal wo und egal wann. Aber man muss anfangen, darüber zu reden. Nicht die Frage der Schuld oder des Opfers sollte zu Beginn an erster Stelle stehen, sondern die Verarbeitung von Traumata, die jeder anders mit sich ausmachen musste und muss. Der erste Satz ist der Schwierigste. Aber irgendwann, wenn auch nach Jahren wird es vielleicht einfacher oder wenigstens einfacher auszuhalten.

Die Familie und der Krieg

Es gibt viele Widerstände, besonders oft in der eigenen Familie. Das war und ist oft bei uns nicht anders. Auch in meiner Familie wurde nicht viel darüber im Detail geredet, was unseren Eltern widerfuhr und wie sie den Krieg erlebten, das bedauere ich heute sehr. Der dramatischste Aufschrei kam jedoch damals von meiner Großmutter, als es darum ging, dass ich Russisch studieren wollte. Da erst erfuhr ich, dass mein Großvater in der Ukraine vermisst wurde (offizielle Version). Inoffiziell wussten wir, dass er auf dem Rückzug erschlagen wurde. Zunächst war es für meine Großmutter schier unerträglich, dass ich in die Sowjetunion fahren wollte (ich war damals noch ein Teenager) und bis zu meiner Abreise herrschte Funkstille zwischen uns. 

Danach war es aber so, wie ich es auch in der Sowjetunion erfahren durfte: Wir wurden als junge Menschen behandelt, nicht als Deutsche. Mir hat einmal eine Kriegsveteranin in Moskau gesagt: ‚Solange junge Deutsche sich für unser Land und Kultur interessieren, solange haben wir die Hoffnung, dass es nie mehr Krieg zwischen uns gibt!‘ Als ich dann nach Hause zurückkehrte, hat auch meine Großmutter ihr Schweigen gebrochen und wollte wissen, wie es denn dort sei. Sie hat es verstanden, dass ich eine neue Generation vertrat und dass mit uns auch ein neues Deutschland seinen Beginn nahm, das nicht mehr nur ausschließlich mit Krieg in Verbindung gebracht wurde. Nach meinen Ausführungen sagte sie: ‚Und wenn Du das nächste Mal fährst, musst Du unbedingt Kaffee und andere Lebensmittel mitnehmen, denn es scheint ja nicht soviel zu geben…‘

Doch gerade solch eine Kriegsvergangenheit können wir nicht immer erst in der Familie bearbeiten und diskutieren, da besonders dieses Kleinbiotop eines der labilsten ist. All das ist enorm kompliziert und schwierig und nicht zuletzt sehr schmerzhaft für alle Beteiligten. Aber es ist meine tiefste Überzeugung, dass nicht reden und totschweigen keine Lösung ist. Aber es braucht auch Zeit, aber manchmal ist sie nicht vorhanden.

Ich weiß, dass dieser Beitrag keine leichte Kost ist und Sarajevo steht auch nur als Beispiel für eine Region, die noch weit davon entfernt ist, dem Frieden eine Chance zu geben. Ich glaube an die Jugend und appelliere an alle, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und zu versuchen, die eigene Sicht der Dinge zu entwickeln. 

Ich möchte in den nächsten Beiträgen aber auch die schönen Seiten der Stadt und der Menschen auf dem Balkan beleuchten. Folgen Sie mir weiterhin in eine spannende Region. Ich freue mich auf Sie.  

Ihre Waltraud Gehrig