Arbeiten in ‚transition economies‘

Hallo liebe LeserInnen,

heute gibt es noch einmal einen Ausflug in die sogenannten ‚transition countries‘ bzw. transition economies. Dies sind Länder, die aus einer Planwirtschaft den Übergang in die Marktwirtschaft anstreben. Sie werden sich fragen: Was hat Kommunikation denn nun damit zu tun? Mehr als sie denken! Diese Länder sind meist in den einst sozialistischen Teilen der Welt beheimatet, so auch zum Beispiel Aserbaidschan, in dem ich erst kürzlich war. Es ist nicht ganz einfach in solchen Ländern zu arbeiten, vor allem nicht mit Verwaltungen. Hier ist ein besonderer kommunikativer Ansatz vonnöten. Allerdings sind letzteres Institutionen, die auch in der westlichen Welt so ihre Tücken haben. 

Planung ist das halbe Leben

Es muss geplant werden, im Vorfeld abgesprochen sein und vor allem sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Spontan geht schon mal gar nichts und man sollte Zeit mitbringen. Es muss alles von oberster Stelle abgesegnet werden. Den Telefonhörer in die Hand nehmen und einfach mal einen Termin vereinbaren – oftmals Fehlanzeige. Erst muss ein offizieller Brief geschrieben werden, dieser muss noch in lokaler Landessprache verfasst sein, vornehmlich sollte das Ganze per Fax übermittelt werden. Nun wären wir vielleicht in der Versuchung auf eine schriftliche Antwort mit einer klaren Terminzusage zu warten: Fehlanzeige! Da sollte man doch öfters mal telefonisch nachhaken. Allerdings wird man meistens mehr als einmal vertröstet… Das sollten Sie jedoch niemals persönlich nehmen! Normalerweise haben unsere Ansprechspartner Vorgesetzte, die nicht einfach zu erreichen sind und ohne deren Zustimmung wird gar nichts passieren. Diese Vorgesetzte haben wiederum Vorgesetzte und nur wenn es in die höchsten Sphären geht, dann geht alles ein wenig schneller. Aber da erst mal hinzukommen ist auch eine Kunst…

Die Sekretärin

Um an einen bestimmten Mann oder Frau zu kommen, gibt es in diesen Ländern immer noch die gute „alte“ Sekretärin. Für so manch eine Vertreterin dieser Zunft ist diese Berufsbezeichnung jedoch heute schon fast eine Beleidigung in unseren Breitengraden aber nur, weil viele Menschen diesen Beruf mit vornehmlich ‚Kaffee kochen‘ und Terminvereinbarungen verbinden. Bei weitem gefehlt! Diese Frauen (meistens sind es Frauen) sind oftmals ‚mächtiger‘ als ihre Chefs/Chefinnen. Sie überleben oft so einige Vorgesetzte und wissen am Besten über alles Bescheid. Sie sind in der Regel sehr loyal und verschwiegen und ich bezeichne sie gerne als die ‚grauen Eminenzen‘ im Hintergrund. Sie ziehen die Strippen und an ihnen geht kein Weg dran vorbei, will man einen Termin bei einer bestimmten Person haben. Sie tun gut daran, wenn Sie sich gut mit Sekretärinnen stellen. Das sollte aber nicht gespielt sein. Es ist wichtig, authentisch zu sein. Diese Frauen haben eine extrem gute Wahrnehmung und Intuition und sind oft ‚alte Hasen‘ im Geschäft. Sie wissen genau was sie zu tun haben und was von Ihnen erwartet wird. Wenn Sie Ihnen nur etwas vormachen, um Ihr eigenes Ziel zu erreichen wird das nicht gut für Sie ausgehen. Sie haben gar nichts davon, wenn Sie sich um die Gunst der ‚Vorzimmerdame‘ (wie man es im Deutschen manches Mal ein wenig geringschätzend ausdrückt) bemühen, es aber nicht ernst meinen. 

Also, wenn Sie eine gute Sekretärin vor sich haben – etwas Besseres kann Ihnen nicht passieren, denn so können Sie auch sichergehen, dass Ihr eigenes Anliegen weitergeleitet und auch bearbeitet wird. Voraussetzung dazu ist eine zuvorkommende und höfliche Behandlung, was ehrlich gesagt aber auch generell selbstverständlich sein sollte (es leider aber nicht immer ist).   

Der Fahrer

In diesen Ländern hat man oftmals einen Fahrer. Egal ob man als Ausländer für eine Firma oder ein Projekt arbeitet. Das ist oftmals billiger und zuverlässiger, als immer Taxis zu nehmen. Fahrer sind oftmals am Tag schon ganz früh auf den Beinen, kümmern sich um das Auto, kutschieren uns in der Gegend herum und wenn wir keine Zeit haben und in Meetings sind, dann sind sie auch oft da, um ein paar Besorgungen für uns zu machen. Kurzum: wenn wir sie nicht hätten, wäre unsere Zeit noch knapper bemessen. Nicht zu vergessen, dass sie sich darum kümmern, dass wir heil von A nach B kommen. Sie bekommen viel mit, wissen viele Dinge über uns. Einen guten und zuverlässigen Fahrer zu finden ist nicht leicht und wenn wir einen gefunden haben sollten wir auch ihn wertschätzen. Das heißt, sich auch um seine Belange zu kümmern. Vielleicht gibt es ein Problem in der Familie und wir können mit wenig Aufwand ein wenig Unterstützung leisten? Oder einfach mal ein wenig zu hören? Ihm vermitteln, dass wir seine Arbeit schätzen? Das hört sich alles so logisch an und doch habe ich es oft erlebt, dass es dies viele nicht tun. 

Natürlich bin ich mir auch darüber im Klaren, dass man auch immer Distanz wahren soll. Das ist nicht unwichtig, da man sich selbst in eine diffizile Situation begibt und in Gefahr, dass Grenzen überschritten werden. Aber da sollte man sich und seiner Intuition vertrauen.

Der Security Guard

Es gibt in fast jeder öffentlichen Institution und größeren Firma Security. Nicht selten muss man viel Zeit einplanen, um einen ‚Propusk‘ (Ausweis- bzw. Zutrittsdokument) zu erhalten. Dafür wollen so einige den Reisepass als ‚Pfand‘ haben. Das ist ehrlich gesagt für mich ein rotes Tuch! Ich gebe nie meinen Pass her, außer wenn es unabdingbar ist (z.B. in einigen Ländern, in denen man in der lokalen Behörde registriert wird und das erfolgt meistens über das Hotel. Dafür muss man den Pass an der Rezeption abgeben). Ich habe immer den Personalausweis als Ausweichsdokument bei mir, aber meistens klappt es auch, wenn man nur die Visitenkarte am Eingang einer Institution hinterlässt. Das alles passiert im Rahmen von kleineren Verhandlungen mit der Security am Eingang. Interessant wird es, wenn keiner die Sprachen des anderen spricht und man auf Gestik und Mimik zurückgreifen muss. Da muss man schon in die schauspielerische Trickkiste greifen. Ich muss gestehen, dass ich glaube, ich habe es ein wenig einfacher, als meine männlichen Kollegen. Ich kann schon recht zügig zum Ziel kommen, denn Männer sind fast überall auf der Welt sehr empfänglich für ein Lächeln und ein klein wenig Flirtkunst;-)

Kommen wir zurück zu unserem Sicherheitspersonal: Meistens sind das ganz normale Männer und in keinster Weise im Bereich Sicherheit geschult. Das muss man sich einfach bewusst machen. Man ist keines Wegs automatisch sicherer nur weil man mehr Securitypersonal sieht. In Russland oder anderen ehemaligen Sowjetländern greift man noch auf Armeeveteranen zurück und da muss ich sagen kann man schon das Gefühl entwickeln, dass sie professionell sind und wissen was sie tun. In so manch anderen Ländern habe ich da so meine Zweifel. Oftmals sind es auch sehr junge Männer, die mit so manch einer brenzligen Situation schlicht und ergreifend überfordert sind. Nichtsdestotrotz sollte man auch hier immer freundlich und zuvorkommend sein. Diese Männer haben keinen einfachen Job du werden oft miserabel bezahlt. Ein Lächeln und einen netten Gruß am Morgen, wenn man ein Gebäude betritt, hat noch niemandem geschadet. Manche verhalten sich jedoch so, als ob die Wächter am Eingang nicht vorhanden wären. In solchen Fällen stelle ich mir immer vor: Würde ich selbst so behandelt werden wollen? Ganz eindeutig: NEIN. Daher versuche ich immer jeden so zu behandeln, wie ich es selbst möchte. Aber auch ich bin nicht perfekt und habe mal einen schlechten Tag. Aber so sind wir halt alle: einfach Menschen, mit Stärken und Schwächen. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie den richtigen Ton für den Umgang mit Ihren Mitmenschen finden, egal wo Sie sind und mit wem Sie es zu tun haben. In diesem Sinne bis zum nächsten Post,

Ihre Waltraud Gehrig

Und hier noch ein paar abschließende Eindrücke aus Baku: