Baku – Eindrücke auf den zweiten Blick…

Wie versprochen folgt heute der zweite Teil meiner Eindrücke von Baku. Es gibt wirklich so einiges, das man auch bei uns übernehmen könnte, aber auch so einiges, worauf man verzichten könnte.

Dieses Mal allerdings war wenigstens der Grenzübertritt problemlos, was ich von früher nicht behaupten konnte. Es gab immer irgendwelche ‚offiziellen Hürden‘ und wenn nicht, wurden sie ‚gemacht‘. Innovativ war man da schon immer (jedoch nicht nur in Aserbaidschan…). So manches Mal musste ich all meine Kreativität walten lassen, um den Grenzübertritt trotz gültiger Visa, Registrierung etc. und ohne das berühmte Bakschisch (Schmiergelder) zu bewerkstelligen. Zu diesem Thema gibt es übrigens einen extra Blogeintrag, das kann man nicht so einfach in einem Satz zusammen fassen.  

Überwachungskameras

Was mir sofort aufgefallen ist, war die unglaubliche Anzahl von Überwachungskameras, die an jeder Ecke der Stadt (Unterführungen, freien Plätzen, Straßen, Uferpromenaden und sogar auf fast jedem Gang in öffentlichen Gebäuden) angebracht waren.

Überwachungskameras in der Fussgängerzone von Baku
Überwachungskameras in Baku

Ob sie funktionierten oder nicht weiß ich nicht. Ob ich mich dadurch besser oder sicherer fühlte? Eindeutig – NEIN! Man kann in Aserbaidschan unbehelligt auf die Straße gehen sogar als Frau recht spät nachts. Ich mag allerdings bezweifeln, ob dies den Kameras geschuldet ist. Doch eher den Konsequenzen, die jemand zu fürchten hat, wenn er gegen das Gesetz verstößt oder etwas Unrechtes tut. Ich bin kein Fan von übertriebener Beobachtung. Auch das Argument: Wenn Du nichts Verbotenes getan hast, hast Du auch nichts zu befürchten halte ich schlicht und ergreifend in unserer heutigen Zeit für Augenwischerei. Mein Vater hatte diesen Spruch gerne angebracht. Allerdings ausgehend von einem funktionierenden Rechtsstaat und zu einer Zeit, als es das Internet und vieles mehr noch nicht gab. Ich glaube, dass man leider auch zur falschen Zeit am falschen Ort sein kann und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in Teufels‘ Küche geraten kann und dazu tragen leider auch Überwachungskameras bei. 

‚Ne po telefonu‘

Ich reiste kurz nach den ‚Islamic Solidarity Games‘ an. Wir hatten schon ein paar Tage zuvor bemerkt, dass plötzlich Skype und What’s App nicht mehr funktionierte. Mein Kollege sagte mir, dass die Regierung diese Dienste blockierte. Es ging nur noch die Kommunikation via Mobiltelefon. Aber auch das hat seine Tücken: Seit Kurzem gibt es nämlich ein Gesetz, dass Ausländern den Kauf einer SIM Karte nur dann erlaubt, wenn diese auch registriert sind. Auch für Aserbaidschaner ist es jetzt sehr schwer geworden für einen ausländischen Kollegen eine SIM Karte zu kaufen. 

Und woran liegt’s? Bevor ich nach Baku fuhr hatte ich mich per Desktopresearch über die jetzige Situation in Aserbaidschan und den angrenzenden Ländern informiert und bin über einen interessanten Blogeintrag gestolpert, der zwar für mein Dafürhalten etwas reißerisch geschrieben war, jedoch beeindruckende Informationen lieferte. Wenn Sie nur zu einem Bruchteil der Realität entsprechen – na dann gute Nacht! Es ging um eine umfassende Mobilfunküberwachung georgischer Politiker durch ortsansässige Mobilfunkanbieter. Wild durcheinander, ohne rechtliche Handhabe sondern nur zum Zwecke der Kompromatsammlung und Überwachung (so wurde es dargestellt und kommentiert). Trotz allem bin ich sehr vorsichtig bezüglich derartiger Aussagen. Leider muss ich sagen, dass ich mir das allerdings sehr gut vorstellen kann, schon alleine aufgrund meiner eigenen Erfahrung.

Menschen, in Baku, die miteinander reden
Miteinander reden und Zeit verbringen!

Aber lassen Sie uns nach Baku zurückkommen. Der Mobilfunk hat funktioniert und somit habe ich den lokalen Anbieter, indirekt die Präsidentenfamilie finanziell ein wenig ‚unterstützt‘ konnte aber wenigstens mit meinem Freund in Deutschland ein wenig klönen. Es gilt jedoch immer noch die alte Weisheit: ‚Ne po telefonu‘ (nicht am Telefon), selbst wenn es um ein altes Hausrezept der Großmutter geht. 

Fazit: Diese goldene Regel trägt immer noch dazu bei, dass sich die Menschen viel häufiger in Persona treffen, um etwas zu besprechen. Die analoge Welt beherrscht also doch noch manchmal die digitale Welt.

Der neue und etwas andere Umgang mit Religion

Etwas was mich des Weiteren nachdenklich stimmte war der Umgang mit der Religion, der für mich in dieser Art und Weise in diesem Land neu war. Früher waren die Aserbaidschaner so gut wie überhaupt nicht an Religion interessiert. Es gab den Muezzin der ab und an zum Gebet rief, was auch immer eine tolle Atmosphäre bei uns Ausländern hervorrief. Er nahm uns sozusagen mit in den Orient. Dazu das Wetter, den Geruch des Meeres – all das ist sehr positiv in meinem Gedächtnis. Wer mochte ging in die Moschee, wer nicht wollte der blieb einfach weg. Es gab auch keinen Gruppenzwang. Das schien mir doch jetzt alles ein wenig anders. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Aserbaidschaner den Ramadan einhalten, besonders junge Menschen. Aber wie so oft in islamischen Ländern fehlt mir die damit verbundene Leichtigkeit, etwas zu tun, wofür man sich ganz alleine entschieden hat, ohne sich gesellschaftlichen Zwängen oder Vorgaben zu unterwerfen. Ramadan artet für die Beteiligten oft in ziemlichem Stress aus und hat mit Einkehr und Besinnung in meinem Verständnis nicht viel zu tun. Jeden Abend kommen Unmengen Freunde, Bekannte, Verwandte zu einem Festmahl zusammen und brechen das Fasten. Bis zum Sonnenaufgang wird gegessen und getrunken was das Zeug hält. Ruhe, Einkehr, das Gebet und vielleicht auch stimulierende, reflektierende und nachdenkliche Gespräche unter den Menschen finden eher selten statt. Aber es gibt den TV Kanal, der zeigt, wie man ‚richtig‘ betet, sich ‚richtig‘ im Ramadan verhält. Ich glaube, dass man nicht ‚falsch‘ beten kann, wichtig ist, dass man sich erinnert, dass ein Gebet, in welcher Form auch immer, etwas wunderbares ist, was uns Halt geben und helfen kann, die Gedanken zu ordnen.   

Aber auch hier gilt: Jedem das Seine und ich wünsche allen Muslimen noch viel Kraft, den Ramadan zu bewältigen, was nicht so einfach ist, wenn er in eine Zeit fällt, in der die Tage am längsten sind und es schon sehr heiß ist. In jedem Fall zolle ich jedem den Respekt, der das durchhält und wünsche gute Erkenntnisse, neue Energie und viele gute Erfahrungen, die das neue Glaubensjahr begleiten.

In diesem Sinne noch ein wunderschönes Wochenende und bis nächste Woche,

Ihre Waltraud Gehrig