Verbale Kommunikation – Unsere Stimme

Vor ein paar Tagen hatte ich eine Unterhaltung mit meiner Freundin, die auch Kurse leitet, doziert und sehr viel mit Menschen in der Erwachsenenbildung zu tun hat. Wir hatten beide letztens unabhängig voneinander eine Kehlkopfentzündung und natürlich genau dann, als wir es am wenigsten gebrauchen konnten. Wir mussten leiser reden als normal und haben beide gemerkt, dass es sehr viel Anstrengung kostet, sich in dieser Weise Gehör zu verschaffen.

Ich habe festgestellt, dass besonders junge Menschen und vor allem junge Frauen sehr leise sprechen, besonders wenn sie eine Präsentation halten müssen. Nicht nur, dass man sie kaum von der Lautstärke her versteht, auch die Aussprache ist nicht besonders klar und deutlich. Es gilt immer noch (oder wieder?) der Leitsatz in unserer Gesellschaft, man solle sich bedeckt halten und vor allem nicht zu laut sein. Zudem nicht, wenn man eine Frau ist, da sich das ’nicht gehört‘. Ein leiser Vortrag oder auch das Nicht-benutzen eines Mikrofons, weil man Angst davor hat, seine eigene Stimme zu vernehmen oder vielleicht gar bei jedem verständlich anzukommen hat eindeutig eher einen negativen Effekt. Die Zuhörerschaft wird so bemüht sein, um Sie zu verstehen, dass sie nicht mehr auf den Inhalt des Vortrags achtet und es werden eher negative Emotionen geweckt als positive.

Bei mir führte diese gesellschaftliche Erwartungshaltung in meiner Jugend zu Stimmbandproblemen und man schleppte mich zur Logopädin. Gott sein Dank! Die Frau war nämlich wirklich sehr gut. Sie meinte von Beginn an zu mir, dass ich einen wunderbaren Resonanzkörper hätte, zudem mit einer beeindruckenden Größe von 1,82m gesegnet sei und auch ansonsten nicht sehr schmächtig. Ich soll meine Stimme voll einsetzen. Sie sei ein Teil von mir und meiner Persönlichkeit: wem es nicht passt, der soll es lassen. Falls ich das nicht täte, würden immer meine Stimmbänder leiden. Ich lernte damals bei ihr, meine Stimme sinnvoll und vor allem technisch professionell einzusetzen. Und es macht mir wahnsinnig viel Spaß.

Seitdem habe ich keine Probleme mehr, laut und deutlich zu sprechen, präsent zu sein. Auch der ‚Vorwurf‘ (oder Feststellung?), dass ich dominant sei wird durch die Stimme unterstrichen. Und wissen Sie was? Ein schöneres Kompliment kann man mir nicht machen. Ich habe Selbstverstrauen, ich liebe es vor Menschen zu sprechen und sie auch mit meiner Stimme ‚einzufangen’, nicht nur durch meine Statur. Ich liebe es, Initiative zu ergreifen, Dinge anzustoßen. Das bin ich und meine Stimme ist dafür mein Instrument.

Leider merke ich immer häufiger, dass es immer weniger junge Frauen gibt, die selbstbewusst ihre Meinung vertreten. Besonders auffällig ist das in Hochschulkursen. Es ist so schade. Viele dieser Frauen sind sehr intelligent, haben ihre eigene Meinung werden aber oft von ihren männlichen Kommilitonen entweder überrollt oder haben kein Interesse oder Mut, sich einem Disput zu stellen und ihre Meinung kundzutun. Ich versuche besonders in solchen Situationen ihnen klar zu machen, dass sie besonders im Arbeitsleben damit zu kämpfen haben werden. Ich glaube, sie verstehen das auch sehr gut wissen aber nicht, was sie dagegen tun sollen oder haben nicht die Energie oder Lust sich dagegen zu stellen.

Die Stimme ist ein wunderbares Organ. Stimmbänder können Töne erzeugen und wir kommen dadurch auch in den Genuss wunderbarer musikalischer Darbietungen, die unsere Seele berühren. Sie erlaubt uns, unsere Emotionen auf unterschiedliche Weise auszudrücken. Sie ist Teil unserer täglichen Kommunikation, unseres Lebens. Wir sollten sie pflegen und vor allem auch lernen, sie passend und sinnvoll einzusetzen. Wenn wir das gelernt haben werden wir auch feststellen, dass unsere Körperhaltung sich ändert, sie wird aufrechter und wir sind präsenter sind. Das wünsche ich Ihnen und vielleicht werden Sie in Zukunft etwas bewusster ihre Stimme hören und mit ihrer Hilfe Ihre Meinung selbstbewusst vertreten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch eine gute Woche,
Ihre Waltraud Gehrig