Tabuthemen – wie geht man sie an?

Heute habe ich an einer Fachtagung zum Umgang mit Demenz im beruflichen Alltag in Ludwigshafen im Heinrich-Pesch-Haus teilgenommen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Metropolregion Rhein-Neckar, die regelmäßig unterschiedliche Veranstaltungen zum Thema Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf organisiert. Von Vorteil ist bei solchen Ereignissen immer die Möglichkeit des Netzwerkens. Man lernt spannende und interessante Menschen bei solchen Gelegenheiten kennen und vor allem ist der Austausch fast immer anregend und inspirierend. Ich nutze solche Möglichkeiten auch immer wieder, Impulse zu erhalten für z.B. diesen Blog.

Doch so eine Veranstaltung spiegelt auch immer wieder die Dynamik und Einstellungen einer Gesellschaft wieder. Besonders das Thema Demenz, aber auch andere psychische Erkrankungen sind ein großes Tabu in unserer Gesellschaft im Großen und in so vielen Familien auch im Kleinen. Wie sehr könnten wir uns alle unser Leben erleichtern, wenn wir über das, was uns bedrückt, offener reden würden. Uns nicht ständig überlegen würden, wie der Nachbar oder der Kollege dieses ‚Bekenntnis‘ sieht und ob die eigene gesellschaftliche Stellung darunter leidet. Viele Menschen, die direkt oder indirekt mit einer psychischen oder psychiatrischen Erkrankung leben scheuen sich in unserer Gesellschaft darüber zu reden.

Spannenderweise gilt dies offensichtlich auch für eine Krankheit wie Migräne an der auch ich manchmal leide. Das habe ich gerade letzte Woche bei einem Vortrag, der von der Migräneliga organisiert war, erfahren. Die Vorsitzende stand da und sagte, sie sei froh, dass sie sich irgendwann ‚geoutet‘ hat und heute sage sie vor jedem öffentlichen Auftritt: Ich heiße Frau XY und habe Migräne! So ähnlich wie bei Selbsthilfegruppen der Anonymen Alkoholiker oder anderen Outings, die Menschen mit einer fast übermenschlichen Anstrengung unternehmen, um zu zeigen, dass sie irgendwie anders sind als der ‚normale Durchschnittsbürger‘.

Ich war platt, ehrlich. Für viele Krankheiten, können wir doch nichts, schon gar nicht für eine Demenz. Warum soll ich das nicht ganz normal sagen können? Wenn ich einen Anfall habe, habe ich auch manchmal Schwierigkeiten, meiner Arbeit nachzugehen. Dann bin ich halt krank. Aber noch schlimmer ist es, dass es den Angehörigen peinlich ist zu sagen, dass ein nahestehender Mensch an Demenz erkrankt ist, weil sie negative Folgen in ihrem beruflichen Leben befürchten. Es könnte ja sein, dass man nicht mehr so 150% Prozent funktionieren kann, wie erwartet, sondern nur 120%. Gerade diese Überzeugungen machen mich traurig, da insbesondere Menschen, die an Demenz erkrankte Menschen pflegen, eine außerordentliche Arbeit leisten was sie auch ruhig selbstbewusst kommunizieren sollten.

Krankheit, Leiden und Tod gehören zu unserem Leben und das manchmal auch in jungen Jahren. Wir vergessen oft, dass wir Menschen mit vielen anderen Sinnen kommunizieren und nicht nur verbal. Wenn Eltern glauben, sie müssten ihre Kinder beschützen und vielleicht nicht sagen, dass jemand in der Familie an einer schweren Krankheit erkrankt ist, dann ist das nachvollziehbar. Aber Kommunikation erfolgt über alle Sinne: Hören, riechen, sprechen, gestikuliere, fühlen und vieles mehr. Glauben wir denn im Ernst, dass Kinder und nahestehenden Personen die unausgesprochenen Dinge nicht doch fühlen? Und wenn dies passiert, wie wirkt sich das aus? Es leidet die Fähigkeit, intuitiv etwas zu erfassen – das allgemein bekannte Bauchgefühl leidet. Man bekommt eingeredet, dass alles in Ordnung ist, man sich alles nur einbildet.

Ich hatte heute ein Gespräch, dass mir wieder vor Augen hielt, wie schwierig es vielen Menschen fällt, über Tabu-Themen oder generell schwierige Themen zu sprechen. Eine Frau sagte mir, dass ihre Mutter wohl an Demenz erkrankt sei, ihr selbst das aber nie mitgeteilt wurde. Ein Pfleger hat ihr gesagt, dass man dem an Demenz erkrankten Menschen die Diagnose besser nicht mitteilen sollte. Da frage ich mich: Wenn ich in dieser Situation wäre, würde ich das wollen? Wenn ich mich in eine demenzkranke Person hineinzuversetzen versuche, würde mich solch ein Verhalten noch kränker machen. Vor allem aber auch depressiv. Heute wissen wir, dass die Demenz oftmals mit einer Depression einhergeht. Kein Wunder, wenn man mich von jetzt auf nachher als unmündig ansieht und mir die Fähigkeit abspricht, normal zu denken oder zu kommunizieren gerade in einem beginnenden Demenzstadium, in dem die ‚klaren‘ Momente eindeutig überwiegen.

Es geht doch im Endeffekt darum, wie man solche Themen anspricht. „Der Ton macht die Musik“. Ich kann sagen:

Option A:

Papa, wir glauben Du hast Demenz. Du solltest Dich mal untersuchen lassen.

Option B:

Papa, wir haben Dich sehr lieb und schätzen alles, was Du für uns in Deinem Leben getan hast. Wir machen uns Sorgen um Dich und haben das Gefühl, dass Du Dich in letzter Zeit etwas verändert hast. Wie fühlst Du Dich? Hast Du das Empfinden, dass alles so wie immer ist oder ist etwas anders? Du weißt, wir sind bei Dir und wenn Du unsere Unterstützung brauchst würden wir sie Dir gerne erweisen, da wir Dir gerne etwas von deiner Fürsorge zurückgeben möchten.    

Sie entscheiden selbst, welche Ansatz Ihnen selbst angenehmer wäre und welcher eher zum Ziel führen wird.

Nicht miteinander Reden, Todschweigen oder ignorieren führt nie zum Ziel. Es endet eher in Missverständnissen, Streit, Konflikten und kann gar zu ernsthaften Zerwürfnissen und enormen Belastungen führen. Meiner Erfahrung nach muss ich sagen – es kommt früher oder später alles raus und dann haben wir es nicht mehr unter Kontrolle, in welcher Weise etwas kommuniziert wird.   

Ich wünsche Ihnen den Mut, Dinge anzusprechen, Tabus zu brechen und ich wünsche Ihnen die Eingebung, es in der bestmöglichen Weise für alle zu tun.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch eine tolle Restwoche.

Ihre Waltraud Gehrig