Multikulturelles aus Brüssel…

Herzlich willkommen zurück,

vorgestern bin ich in Brüssel angekommen. Ich fuhr mit dem Zug von Mannheim nach Gare Midi, wie bereits schon vor vielen Jahren. Als ich mein Hotel ganz in der Nähe des Bahnhofs suchte, dachte ich allerdings eher ich wäre in ‚Little Cairo‘ gelandet. Mir ist das nicht so arabisch anmutend im Gedächtnis gewesen. Ich dachte immer, bei uns in Mannheim geht es sehr orientalisch zu – weit gefehlt.

Eine unglaubliche Anzahl verschiedener Sprachen, Menschen unterschiedlichen Aussehens und viele fremdartige Gerüche und einige Teehäuser, in denen sich vorwiegend Männer tummeln. Und dennoch war etwas anders als in meiner Heimatstadt Mannheim. Ich empfand die Grundstimmung als eher freundlich. Wohin ich schaute (und normalerweise habe ich kein grimmiges Gesicht, sondern bemühe mich, freundlich und nicht desinteressiert zu wirken) kam ein Lächeln oder eine nette Geste. Obwohl ich mich doch eher in der Minderheit sah, muss ich sagen, war das Umfeld sehr freundlich und ich hatte mich fast gefühlt, als ob ich bei ‚Freunden‘ zu Gast war. Ich glaube unsere doch eher auf den ersten Blick verschlossene, etwas verhaltene und manchmal doch auch miesepetrige Grundstimmung ist schon auf die Menschen abgefärbt, die bei uns leben. Schade eigentlich. Ein wenig mehr Entspanntheit täte uns auch ganz gut.

Obwohl man sagen muss, dass es mir auch in anderer Hinsicht ein wenig wie Kairo vorkam. Kaum verließ ich den Bahnhof, sah ich Militärfahrzeuge und Soldaten mit schwerem Geschütz, die patrouillierten. Leider sehr ähnlich dem Eindruck, den ich in Kairo gewann, als der Ausnahmezustand verhängt wurde. Und doch war etwas auch hier anders. Ich fühlte mich in Brüssel doch einigermaßen sicher, wohingegen ich mich in Kairo eher so fühlte, als ob ich immer auf der Hut sein musste und auch dem ‚Sicherheitspersonal‘ doch eher misstrauisch gegenüberstand.

Das Multikulturelle hat sich auch noch weiter durch die Stadt gezogen. Wie ich es auch immer auf reisen tue, wenn ich an einem Gotteshaus vorbeigehe und ich es interessant finde, gehe ich rein, schaue mich um und wann auch immer es möglich ist, zünde ich eine Kerze an. So auch hier. Es war eine katholische Kirche, in deren Inneren diese Plakate hingen:

Leider habe ich keine Idee, was es bedeutet. Aber ich weiß, dass es arabische und hebräische Schriftzeichen sind und es um die Arabische und Jüdische Religion geht. Schon allein die Tatsache, dass beide in einer katholischen Kirche ihren Platz gefunden haben, finde ich sehr interessant und zeigt mir: religiöser Dialog geht, wenn man es will. Mir geht es nicht darum, jemanden zu einem anderen Glauben zu bekehren oder überhaupt zu bekehren. Das ist die Sache eines jeden Einzelnen. Aber das Gespräch darüber ist wichtig und erlaubt uns auch hier, verschiedene Perspektiven kennenzulernen.

Ich weiß, dass es auch in Belgien viele Probleme gibt und viele Migranten bestimmt teilweise auch unter schwierigen Bedingungen hier leben. Ich möchte mir hierzu kein Urteil erlauben aber ich werde auch jetzt, so wie ich es immer in fremden Ländern tue, etwas Positives und Besonderes mitnehmen und versuchen umzusetzen.

Mein Fazit: Ein Lächeln ist kein Aufwand. Eine nette Geste gegenüber dem Anderen kostet nichts. Eine positive Grundhaltung ist immer von Vorteil, aber ein wenig Vorsicht und Umsicht ist auch nicht verkehrt. Kurzum: die Mischung macht‘s.

In diesem Sinne, bis nächste Woche,

Ihre Waltraud Gehrig